Rudolf Grüttner
ZEITENWENDE/WENDEZEITEN

Großes Format mit kleinen Puzzle-Mängeln
Der Gebrauchsgrafiker Rudolf Grüttner erinnert sich seines künstlerischen Weges in der DDR und ins dritte Jahrtausend

Rezension von Günter Höhne

Sie sind leider immer noch allzu selten, Bekenntnisse und Erinnerungen von Künstlern, die bei ihrer Tätigkeit in den DDR-Jahrzehnten keine Bühne hatten, weil sie sujetgemäß im Verborgenen arbeiteten. Die aber doch mit ihren Werken allgegenwärtig präsent waren und von enormem kulturellen Einfluss: an Plakatwänden oder Theaterfassaden, auf Briefmarken, Bucheinbänden oder Schallplattenhüllen, mit Markenzeichen, Signets und Münzen, mit ihren Haushaltgeräte- oder Möbeldesigns, Maschinen-, Werkzeug- und Schienenfahrzeuggestaltungen, Essbestecken, Geschirrentwürfen, Gebrauchsglasserien oder auch den Ausstattungen für Bühne, DEFA-Filmset und die Adlershofer Fernsehstudios. Schauspieler-, Schriftsteller- und Maler-Memoiren männlicher wie weiblicher Zunftangehöriger gibt es immer wieder neue, darunter „solche und sonne“ wie der Berliner sagt. Die Leute sind inzwischen in die Jahre gekommen und finden somit Zeit, sich endlich auch in Buch-Form zu bringen. Produkt- und Grafik-Designer/innen, Kunst-am-Bau-Gestalter/innen und andere Kreative der so genannten angewandten Kunst machen sich hier hingegen auffällig dünne. Dabei waren sie doch noch mannigfaltiger und ungeschützter komplexen und komplizierten Wetterlagen in der vermeintlich „sozialistischen“ Gesellschaftsrealität ausgesetzt, wurden allzu oft durch knallharte komplexe kulturpolitische, planwirtschaftliche, material- und fertigungstechnische Barrieren ausgebremst oder auch nur durch schlichte Ignoranz seitens bildungs- und kulturferner Entscheidungsträger in Betrieben und Behörden. Die Betroffenen könnten, wie ich weiß, Lieder davon singen. Aber auch davon, mit wie viel Vergnügen und Witz sie bei der Sache waren. Warum tun sie das eigentlich nicht? Es sind nur herzlich wenige aus der breiten ostdeutschen Produktgestaltungs- und Kunsthandwerksszene, die uns bisher eigene literarische Einblicke in jene Prozesse gaben, die ihr kulturelles, künstlerisches Tun für die Gesellschaft begleiteten oder auch behinderten. Mir fallen da – neben Monografien aus fremden Federn – nur drei nach der „Wende“ verfasste Autobiografien ein: jene der Produktgestalter Rudolf Horn, Erich John und Martin Kelm.

Jetzt endlich hat sich aber mit Rudolf Grüttner ein weiterer bedeutender Vertreter von einstmals in der DDR wirkenden Schöpfern für den kulturellen Alltagsbedarf zu Wort gemeldet. In seinem gewichtigen Erinnerungsband „Zeitenwende / Wendezeiten“ reflektiert er seinen Lebensweg vom 1933 geborenen Arbeiterkind mit zeichnerischer Begabung hin zu einem der profiliertesten, arbeitsamsten, erfolgreichsten und international angesehensten Gebrauchsgrafiker der DDR, zum Kunstprofessor in Berlin-Weißensee und zeitweiligen Rektor dort und auch nach der „Wende“ sehr produktiven Künstler, der unter anderem weiter im Plakatschaffen, mit vielen Buchgestaltungen und auch einer Reihe von Entwürfen für Sonderpostwertzeichen präsent blieb. Seiner linken Gesinnung hat er übrigens auch nach 1990 nicht abgeschworen und unter anderem auch für die PDS und Die Linke pointierte, intelligente Wahlplakate gemacht, denen man meines Erachtens allerdings viel zu selten im Straßenraum begegnen konnte.

Sein Buch nun breitet nicht nur in allerbester Druckqualität ein opulentes Spektrum seines grafischen Lebenswerkes aus, sondern eröffnet zudem aufschlussreiche Einblicke in die kulturpolitische und Kunst-Szenerie der vier DDR-Jahrzehnte, durchaus auch subjektiv reflektiert – wie bei Autobiografien schließlich zu erwarten. Was darüber hinaus das besondere Gewicht der im Jahr 2017 abgeschlossenen Rückschau Rudolf Grüttners ausmacht, sind ihre so plastisch und zahlreich in noch keinem anderen Lebens- und Arbeitsbericht ostdeutscher Gebrauchsgrafiker und Industrieformgestalter offenbarten, minutiös erinnerten Momentaufnahmen von konkreten Diskursen um schöpferischen Anspruch und gesellschaftspolitisch gesetzte Grenzen auf dem Feld der angewandten Kunst. Dabei ist Grüttners in den Band gegossene Erinnerungsarbeit ganz und gar nicht egozentrisch fixiert auf die eigene Lebens- und Werkgeschichte und deren Erfolge, Kompromisse und Niederlagen. Der Autor leistet im Gegenteil etwas unerwartet Großes mit seinen Rückblicken: Er führt uns von der ersten bis zur letzten Seite ein breites, buntes und immer wieder überraschendes Kaleidoskop von zeitgenössischen Köpfen (nicht nur aus dem Wirkungsbereich der bildenden und angewandten Kunst) sowie deren Tun und Lassen vor Augen, das eine Menge von bislang zu beklagenden Wahrnehmungslücken auf dem Gebiet Gebrauchsgrafik in der DDR zu schließen hilft. Denn der einzige umfassendere Übersichtsband zu dieser Kunstdisziplin, "Gebrauchsgrafik in der DDR", ist 1975(!) in Dresden erschienen, herausgegeben vom Verband Bildender Künstler der DDR (dessen Vizepräsident Grüttner übrigens zeitweilig auch war).

Allerdings: so ganz ohne Makel ist das verdienstvolle Werk Rudolf Grüttners am Ende leider doch nicht. Leser werden eine Kapitelübersicht vermissen, ebenso eine Kurzbiographie und Bibliografie im Anhang, der allein das umfangreiche Namensregister enthält. Und schade auch, dass der Verfasser oder das Lektorat die eine und andere allzu weitschweifige Episode besonders aus den Schaffens-Frühphasen der Lehr- und Studienzeit nicht auf wirklich Wesentliches reduziert oder auch gänzlich auf die eine und andere verzichtet haben. Hier hätten Gedächtnislücken des Autors dem Buch gut getan.

Günter Höhne

Rudolf Grüttner: ZEITENWENDE/WENDEZEITEN, 2017 im Eigenverlag; 372 Seiten mit ca. 400 farbigen Abbildungen, 40,00 € zzgl. Versand; ISBN 978-3-00-055797-2