Klaus Thomas Edelmann / Gerrit Terstiege (Hrsg.)
Gestaltung denken
Grundlagentexte zu Design und Architektur

Rezension von Bernhard E. Bürdek

Grundlagentexte zu Design und Architektur

Endlich, so möchte man sagen, wieder einmal ein Buch, das es zu lesen wirklich lohnt. Insgesamt vierzig Texte von Praktikern und Theoretikern zum Thema Gestaltung, es war wirklich an der Zeit, solch ein Buch zu veröffentlichen, nach all dem banalen und zeitgeistigen Geschwätz, das heute gedruckt wird und in den Buchhandlungen auf den Verkaufstischen landet, und kaum das Papier Wert ist, auf das es diese gedruckt werden.

1999 veröffentlichten Volker Fischer und Anne Hamilton im damaligen form Verlag in Frankfurt am Main den ersten Band „Theorien der Gestaltung“ mit Originalbeiträgen von Ruskin, Morris, Behrens, Giedion, Read, Semper, Sullivan, Bloch, Gropius, LeCorbusier, Stam, Moles, Hirdina u.a.m. In einem schon zur damaligen Zeit völlig unzureichenden Layout war dies eine erste Sammlung von Texten, die für die Geschichte und Theorie des Design bedeutsam sind.

Nun also der zweite Band, der sich auf das 20. Jahrhundert konzentriert. Bei Birkhäuser excellent gestaltet (die Schweizer Grafik lässt grüssen) und von den Herausgeber sorgfältig editiert.

Sie wählten zwei Kategorien von Texten: einerseits von Praktikern über Gestaltung, Otl Aicher, Peter Behrens, Max Bill, Gui Bonsiepe, W. Braun-Feldweg, Clauss Dietel, Adrian Frutiger, Walter Gropius, Ferdinand Kramer, Raymond Loewy, Adolf Loos, Tomás Maldonado, Dieter Rams, Richard Sapper, Gottfried Semper, Ettore Sottsass, Robert Venturi/Denise Scott Brown, Steven Izenour und Wilhelm Wagenfeld.

anderseits von Theoretikern wie Th.W. Adorno, Reyner Banham, Roland Barthes, Jean Baudrillard, Walter Benjamin, Christian Borngräber, Bazon Brock, Lucius Burckhardt, Vilém Flusser, Jürgen Habermas, F.W. Heubach, Immanuel Kant, Siegfried Kracauer, Bruno Latour, Marshall McLuhan, A.A. Moles, H.W. Rittel und M.W.Webber, Colin Rowe und Fred Koetter, Arthur Schopenhauer, Peter Sloterdijk, Paul Virilio und Martin Warnke.

Es ist wirklich müßig über die Auswahl zu streiten, jeder andere würde eine andere Auswahl treffen, aber darum geht es gar nicht. Die Herausgeber schreiben selbst im Vorwort: „Wer heute ein Buch über gestalterische Theorien zusammenstellt, könnte leicht versucht sein, als Gegenreaktion auf die erwähnten Ungewissheiten einen verpflichtenden Kanon aufzustellen. Texte, die in einer bestimmten Abfolge zu lesen sind, deren Argumentationstränge aufeinander aufbauen und deren Anordnung und Auswahl den vielfach unterbrochenen Diskurs in Architektur und Design rekonstruieren. Nichts lag den Herausgebern dieses Buches ferner!“

Dieses Buch demonstriert eine Haltung, und dies erscheint mir zunächst einmal unendlich wichtig zu sein. In einer Zeit, wo uns die postmodernen Versatzstücke (in der Theorie wie in der Praxis) nur so um die Ohren fliegen, endlich also ein Buch, das Positionen benennt und damit auch bezieht.

Neu ist nun an diesem Buch auch, dass es zu jedem Beitrag einen aktuellen und natürlich subjektiven aber gleichwohl bedeutsamen Kommentar gibt. So kann der Leser sich auf jeden einzelnen Text einstimmen und erfährt etwas über die Aktualität derselben. Gerda Breuer, Francois Burkhardt, Anette Tietenberg, René Spitz, Andreas Dorschel, Hans Höger, Beate Manske, Manfred Sack, Volker Albus, Köbi Gantenbein, Fabian Wurm, Dieter Bartezko, Norbert Bolz, Wolfgang Jonas u.v.a.m, und natürlich auch die Herausgeber K.T. Edelmann und G. Terstiege selbst, kommentieren sachkundig die Orginialtexte.

Allein die Frage, warum aus der 1999er Ausgabe einige der Beiträge 2010 erneut publiziert werden, wie z.B. die von Adorno, Behrens, Bill, Gropius, Kramer, Loos, Moles, Semper oder Wagenfeld können die Herausgeber selbst beantworten.

An die jungen Designer gerichtet möchte ich sagen: guckt nicht nur all die unsäglichen Design Newsletter wie designboom, dexigner.com etc. an, sondern lest gelegentlich auch einmal solch ein Buch, denn dort könnt ihr erfahren, was Gestaltung wirklich bedeutet - oder zumindest (im 20. Jahrhundert) einmal bedeutet hat.