Jeremy Aynsley, Harriet Atkinson (Hrsg.)
The Banham Lectures. Essays on Designing the Future

Am Steuer der Designgeschichte

Rezension von Karianne Fogelberg

The Banham Lectures. Essays on Designing the Future

Der britische Architekturkritiker Peter Reyner Banham (1922-1988) gehörte zu jenen Gelehrten, die keine Mühen scheuen, um sich ihrem Forschungsgegenstand zu nähern, und sei es, dass er dafür im fortgeschrittenenen Alter Autofahren lernte: Anfang der Siebziger drehte er den Dokumentarfilm „Reyner Banham Loves Los Angeles“ für die BBC (1972). Darin stellte er die Nebenschauplätze der urbanen Baugeschichte in den Vordergrund – die Autobahnschleifen, Tankstellen, Schnellimbisse. Seine Autofahrt ist heute legendär: Der hoch aufgeschossene Professor mit Vollbart, den man sonst von Bildern in Anzug und Fliege auf seinem Moulton-Fahrrad unter grau verhangenem Londoner Himmel kennt, hier mit Sonnenbrille und Schiebermütze ausgestattet, wie er sich unter der gleißenden kalifornischen Sonne hinter das Steuer eines amerikanischen Schlittens klemmt. „Ich habe Autofahren gelernt, um Los Angeles im Original lesen zu können“, sagte er damals.

Banham schrieb über viel beachtete Bauwerke der Moderne mit demselben akademischen Interesse wie über Kartoffelchips oder Klimaanlagen. Damit gilt er als einer der Begründer der Designgeschichte, wie wir sie heute kennen. Nach dem Krieg hatte er am Courtauld Institute zunächst Kunst- und dann bei Nikolaus Pevsner Architekturgeschichte studiert; später lehrte er an der University of London sowie in New York und Kalifornien. Der schrullige Akademiker und der sich auf der Höhe der Zeit befindende Popkultur-Anhänger: Banham beherrschte beide Register, wie der jetzt von Jeremy Aynsley und Harriet Atkinson herausgegebene Essayband „The Banham Lectures – Essays on Designing the Future“ zeigt.

Das Buch versammelt die neunzehn Vorträge, die nach Banhams Tods 1988 zu seinen Ehren im Lecture Theatre des Victoria & Albert Museum von Historikern, Gestaltern, Architekten und Weggefährten gehalten wurden. Inhaltlich sind alle Beiträge relevant. Sie untersuchen entweder die Methoden seiner Lehre (z. B. Tim Benton, Mark Haworth-Booth) oder beschäftigen sich in Banhamscher Tradition mit dem Einfluss der Alltagskultur auf Design und Architektur (z. B. Jeffrey L. Meikle, Penny Sparke), mit von der Architekturkritik vernachlässigten Phänomenen wie Planungsexzessen im Städtebau (Paul Barker) oder Multimediainstallationen (Beatriz Colomina), und schließlich mit Banhams Begeisterung für technische Innovationen und deren Potential für das Industriedesign (z.B. Tomás Maldonado). Am besten sind die Texte immer dann, wenn die Autoren mit Banhams Scharfsinn und seinem Gespür für unterhaltsame wie provokante Formulierungen wetteifern. Die Designhistorikerin Gillian Naylor etwa beschreibt, wie Banham beharrlich und mit unverbesserlichem Charme selbsternannte Gralshüter der Moderne – allen voran sein ehemaliger Lehrer Pevsner – mit den flüchtigen Erscheinungen des modernen Lebens konfrontierte, den sich wandelnden Konsumbedürfnissen und technischen Voraussetzungen. Zudem haben die Herausgeber die Beiträge in vier thematische Abschnitte gegliedert, die sie mit Zitaten aus Banhams eigenen zahlreichen Veröffentlichungen einleiten. So begleiten Banhams Worte den Leser durch das Buch, während seine Person in den Anekdoten der Autoren Gestalt annimmt.

Für die Designgeschichte war Banham ein Glücksfall. Seine unvoreingenommene Technikbegeisterung mag heute befremden, wie auch seine Euphorie angesichts ungeplanten Städtewachstums. Gillian Naylor zufolge war er ein Mann der Sechziger, politisch durchaus engagiert, in den Augen der nachfolgenden Generation aber hoffnungslos politisch unkorrekt. Zur aufkommenden Computertechnologie schrieb er 1963: „Sie wird deine Sekretärin ersetzen und diese ganztags für vorehelichen Sex freigeben.“ Ungeachtet solcher Provokationen ist es das Verdienst Banhams, die Designdebatte von der bis dato vorherrschenden Lesart der „Guten Form“ befreit und ihr die Türen zur Alltagskultur und zur Welt des Konsums geöffnet zu haben. Der vorliegende Band zeigt, wie nachhaltig sein Einfluss auf mehrere Generationen von Wissenschaftlern, Designern und Architekten war und ist.

 Dieser Text ist in gekürzter Fassung in der form 231 (März/April 2010) erschienen.

The Banham Lectures. Essays on Designing the Future
Jeremy Aynsley, Harriet Atkinson (Hrsg.)
Berg Publishers, Oxford, 2009
ISBN 978 1 84788 302 5