Design. Texte zur Geschichte und Theorie
Herausgegeben von Gerda Breuer und Petra Eisele
Rezension von Bernhard E. Bürdek

„Zu den Sachen“ war auch Gegenstand der Heidegger´schen Philosophie, man könnte es durchaus als ein Motto für dieses Buch verwenden, denn Design ist im 20. Jh. zu einem bedeutsamen Teil der materiellen Kultur geworden. Aber es sind die Menschen, die dazu mit ihren Texten die relevante Beiträge geliefert haben: Ruskin, Semper, Muthesius und van de Velde, Gropius, Loos, Maldonado, Braun-Feldweg, Sottsass, Bill, Burckhardt, Moles, Mendini, Bonsiepe, Radice, Fuller, Klar, Haug, Brock, Papanek u.v.a.m.; so gesehen ist das Buch durchaus ein „Who is Who“ der Geschichte und Theorie von Design.

Wie es dazu kam lässt sich anhand der hier sorgfältig recherchierten vorgestellten Texte exzellent nachvollziehen. Beginnend mit John Ruskin (1851) rekapitulieren die Herausgeberinnen den Horizont des Designs an mannigfaltigen Texten. Dem Format der Reclam-Bände geschuldet - das Kürzungen einfach notwendig macht - explizieren sie anschaulich die Ideengeschichte von Design. Die Klassiker kommen zu Wort, die weit zerstreut erstmals in einem Buch zugänglich gemacht werden.

Muthesius und Henry van de Velde beförderten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den so genannten Werkbundstreit (Typisierung versus künstlerischer Individualisierung), der im Übergang vom 20. Jh. zum 21. Jh. neue Aktualität gewinnt. Walter Gropius begründete die „Wesensforschung“ wonach Produkte zweckvoll, praktisch, haltbar billig und schön sein  sollen. Tomás Maldonado formulierte 1958 die Maximen für das Industrial Design im 20. Jh.: Produktivität und Produktgestaltung gehören untrennbar zusammen, beide bestimmen die neue Ära der industriellen Entwicklung. Er war es auch, der die Semiotik im Lehrplan der HfG Ulm installierte, Gui Bonsiepe führte dazu anhand von Werbekampagnen semantische Analysen durch und Klaus Krippendorff verfasste zu dieser Thematik eine Diplomarbeit (1961).

Adolf Loos forderte die Trennung von Kunst und Design, ausgangs des 20. Jahrhunderts vermischen sich beide jedoch immer mehr. Die Moderne des Bauhauses wurde u.a. auch von Ettore Sottsass in Frage gestellt. Die legendäre Ausstellung „Italy – The New Domestic Landscape“ (New York 1972) machte dies anschaulich.

Lucius Burckhardt knüpfte mit seinem Begriff des „Unsichtbaren Design“ an Christopher Alexanders „Pattern Language“ an und verwies darauf, dass es die Kontexte sind, die den Sinn (und damit auch die Bedeutung) der Gegenstände oder Bauwerke bestimmen. Und dass diese nicht nur funktional zu bestimmen sind machten Venturi und Brown 1977 anschaulich, als sie konstatierten, dass Architektur eben immer auch symbolisch sei und wirke. Gleichwohl enthielt die funktionalistische Architektur immer auch eine uneingestandene Symbolik. Ein Phänomen, dem heute weltweite Bedeutung zukommt, so bestehen viele Bauwerke in den asiatischen Metropolen heute weitgehend aus gebauten Symbolen. Für die Produktgestaltung formulierte Jochen Gros (1971) eine „Dialektik der Gestaltung“, in der sich beide Aspekte wiederfinden. Mit der „Theorie der Produktsprache“ (1983) wurden darauf aufbauend neue, „disziplinäre“ Ansätze formuliert, die an der HfG Offenbach über lange Zeit verfolgt wurden.

Die Herausgeberinnen schreiben unter Verweis auf Bruno Latour: „In der theoretischen Auseinandersetzung mit Design kann der Perspektivenwechsel weg von Fragen der praktischen Funktionalität und materiellen Produktion hin zu Fragen der Rezeption, Bedeutung und des Gebrauchs der Dinge als entscheidender Paradigmenwechsel verstanden werden. So ist als wichtiges Kennzeichen der Postmoderne eine zunehmende `Aufmerksamkeit für Bedeutung´ und für die `Interpretation´ der Dinge sowie für die `Sprache der Zeichen´ zu benennen“ (S. 146).

Ausgangs des 20. Jh. wurden sodann immer mehr kritische Stimmen gegenüber dem Design geäußert: die Warenästhetik (Papanek, Haug, Klar u.a.) dominierten die designtheoretischen Diskurse. Aber auch neue Kategorien wie die der Nachhaltigkeit (Banz) zogen in die Designdebatten ein. Dabei werden oftmals Anleihen aus anderen Disziplinen gemacht: so ist das gerne zitierte cradle-to-cradle eben ein Engineering Thema und keines von Design.

Im Übergang zum 21. Jh. dominiert das Thema „Digitalization takes Command“ die Diskurse und die Praxis des Entwerfens. Die Sachen werden immateriell, Gebrauch und Rezeption der Produkte verändern sich dramatisch sowie die deren Kontexte (Lebenswelten), die vollkommen neue Aufgaben für das Design eröffnen. Dies ist ein bedeutsamer Paradigmenwechsel für das 21.Jh., nur darauf gehen die Herausgeberinnen bedauerlicherweise nicht mehr ein.

Trotzdem ist dies ist ein überaus bedeutsames Buch – akribisch recherchiert und anschaulich geschrieben – das deutlich macht, wie die Diskurse über Design geführt werden müssen. Dieses leidet heute massiv unter den Fluchtbewegungen von Autor/innen, die sich um die zentralen Anliegen von Gestaltung gar nicht mehr kümmern sondern ihre jeweils eigenen Wolkenkuckucksheime propagieren. Die Disziplinlosigkeit im Design nimmt immer mehr zu – erschütternd. Gerda Breuer und Petra Eisele haben dagegen ein kleines aber fürwahr fundamentales Buch gestellt – das so gesehen eben auch einen Meilenstein für die Disziplin darstellt.

Design. Texte zur Geschichte und Theorie.
Hrsg.: Gerda Breuer u. Petra Eisele
Ditzingen, Verlag Philipp Reclam jun., 2018
223 S., 17 Abb., 11,80 €
ISBN 978-3-15-019539-0

16. September 2018