Christian Wölfel, Sylvia Wölfel und Jens Krzywinski (Hg.)
Gutes Design. Martin Kelm und die Designförderung in der DDR (2014)

Fragwürdig
Martin Kelm, der einstige DDR-Staatssekretär und Leiter des Amtes für industrielle Formgestaltung, über seine Verdienst um das DDR-Design

Rezension von Günter Höhne

Was hätte man doch alles zu erfahren getrachtet, wenn ein Buch mit dem Titel „Gutes Design – Martin Kelm und die Designförderung in der DDR“ angekündigt worden wäre. Aber es war nirgendwo ein öffentlicher Hinweis auf derartiges Unterfangen zu vernehmen – und dennoch wurde ein ausgewählter Kreis von Empfängern kürzlich mit eben solcher Buchsendung überrascht. Bis die fast 250 Seiten umfassende großformatige Broschur aus der Druckerei kam, hatten alle Vor- und Zuarbeiten in engstem Kreis an der TU Dresden in geradezu konspirativ anmutendem Rahmen stattgefunden. Auch mindestens zwei der in das Projekt buchstäblich „eingebundenen“ Mitautoren erfuhren bis zur Veröffentlichung nichts Konkretes zu Anliegen und Umfeld ihrer Mitwirkung. Sie waren irgendwann einmal von Martin Kelm lediglich darum gebeten worden, für ihn „Gedanken und Erfahrungen“ aus ihren einstigen Design-Verantwortungsbereichen in Betrieben und Institutionen der DDR zu notieren, was sie aus alter Verbundenheit auch taten. Zu ihrer Überraschung erfuhren sie dann einige Zeit später, an einem (eben diesem) Buchprojekt beteiligt gewesen zu sein, und so finden sich nun deren fachspezifische und sogar irgendwie (darauf ist noch zurückzukommen) illustrierte Texte irgendwo hier wieder, beziehungslos wie aus der Luft gegriffen und allem Anschein nach zudem unlektoriert, nämlich durchaus noch der einen und anderen redaktionellen Überarbeitung würdig.

Welchen Erwartungen nun hätte das so entstandene Werk über „Martin Kelm und die Designförderung in der DDR“ entsprechen können, sollen, müssen? Die (neben den großen Ausbildungsstätten Kunsthochschule Berlin und Burg Giebichenstein in Halle sowie dem Verband Bildender Künstler der DDR) agierende alleinige staatliche zentrale Instanz für „Designförderung“ in der ostdeutschen Republik war das Amt für industrielle Formgestaltung (AIF) beim Ministerrat mit seinen Instituts-Vorgängern, allesamt von Martin Kelm geleitet. Deren Geschichte und Tätigkeiten sind auch nach der „Wende“ bereits mehrere, auch umfangreichere Veröffentlichungen gewidmet worden, 20 illustrierte Seiten unter der Überschrift „Das verordnete Design“ beispielsweise in dem vor 15 Jahren erschienenen Buch „Penti, Erika und Bebo Sher. Klassiker des DDR-Designs“ von Günter Höhne, eine detaillierte Abhandlung desselben Autors über das AIF in „Das Große Lexikon DDR-Design“ (2008) und noch weitere mehr.

Selbstbildnis ohne Rahmen

Nun also endlich auch Einblicke in den inneren Zirkel der Machtzentrale von der Warte des Chefschreibtisches aus? Bilanzierende, abwägende aus der Perspektive von heute? Kritische, selbstkritische Reflexionen des Leiters des Amtes? Dies nur sehr in Maßen. Gar nichts über das unheilvolle Wirken von Teilen seines Leitungsapparates (den Martin Kelm fast gänzlich ausblendet), nichts über den Kreativität bremsenden Machteinfluss, das Karrieretum, die Arroganz und die intellektuelle und fachliche Impotenz von im Ministerium für Wissenschaft und Technik und höher residierenden übergeordneten hauptamtlichen Parteifunktionären. Auch keine Position, wenigstens heute und mit sicherem Abstand, zu den in den 1980er Jahren zunehmend ungefragt dem Kelm-Apparat zugeordneten, von ganz woanders her dorthin entsorgten (oder auch ins AIF entsandten...) Leitungskadern. Nur herzlich wenig Erwähnung finden auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Basis, wo schließlich Designpromotion konkret praktiziert wurde: in den Bereichen Ausstellung, Designsammlung, Fotothek, Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildung beispielsweise, auch in der Redaktion form+zweck. Gerade die erste, verdienstvolle Gründungs-Redakteurin des international renommierten Periodikums ab 1956/57, Hanna Schönherr, hätte eine ausdrückliche Würdigung verdient. Und die Zusammenarbeit mit dem Verband Bildender Künstler der DDR oder mit den künstlerischen Hoch- und Fachschulen, die Arbeit mit den Berater- und Gutachtergruppen in der Industrie – war das alles höchst persönlich und nur Martin Kelms Wirkungsfeld? Oder was die Rehabilitation des Bauhauses und die Wiedereröffnung des Gropius-Gebäudes in Dessau 1979 sowie den DDR-Besuch der Witwe des Bauhaus-Gründers aus diesem Anlass betrifft – dies ist ebenfalls nicht allein Martin Kelms beharrlicher Initiative, so wie im Buch dargestellt, zu verdanken, sondern beispielsweise unter anderem dem jahrelangen und wiederholt von der SED unterdrückten unermüdlichen Wirken des heute 85jährigen Weimarer und Berliner Architektur- und Designwissenschaftlers Karl Heinz Hüter. Dessen enge, persönliche Verbindung zu Walter und Ise Gropius in den USA hatte überhaupt erst die Einladung nach Dessau ermöglicht. Kein Wort der Erwähnung.

Warum diese und manche andere selbstherrliche Ausblendungen unter „So war es...“, Kelms Hauptbeitrag in dem Buch? Aber sogar das ist dem Autor unerklärlicherweise entfallen: Dass er sich mehr als einmal schützend vor Mitarbeiter stellte, die unter ihm wirkend – mehr oder weniger arglos agierend – ins Scheinwerferlicht der Partei-Inquisition geraten waren und dass er so manchem in „seinem Amt“ nach Möglichkeit den Rücken frei hielt für eigene wissenschaftliche oder künstlerische Kreativitäten. Warum so gar nichts dazu in diesem Buch und auch nicht zu den Abhängigkeiten, Verdrüssen und Demütigungen, denen Kelm selbst als Leiter des Amtes ausgesetzt war und die er damals als treuer Sohn und gelegentlicher Prügelknabe der Partei diszipliniert schluckte?

Warum behält er das für sich? Falsche Bescheidenheit oder vielleicht doch auch sein Rück-Blick noch diszipliniert befangen in einem Führungselite-Wahrnehmungshorizont, den ihm ja in der „Wendezeit“ (bis da hin folgsame und nun auf einmal mutig werdende) Mitarbeiter in AIF- Belegschaftsversammlungen ankreideten?

Gedankenfluchthilfe

So gibt es eine Vielzahl von enttäuschten Erwartungen an diesen überraschend veröffentlichten Memoiren-Sammelband, der dies viel eher ist denn ein seröses systematisch erhellendes Dokument (und dies trifft übrigens nicht nur auf die Niederschrift von Martin Kelm zu, sondern zum Teil auch auf weitere, von Kelm und den Herausgebern um Wortmeldungen gebetene Autoren). Und wenn die Editoren, ahnungslos oder womöglich schlicht ignorant, in ihrer Einleitung kühn behaupten, die bisherigen „Publikationen zur materiellen Kultur einer sozialistischen Moderne“ wären „oftmals auf einzelne Produktgruppen (skurrile bzw. lieb gewonnene Objekte aus einem versunkenen Land (...) fixiert“ und „die Geschichte der zentralen Designförderinstitution in der DDR, des Amtes für industrielle Formgestaltung (AIF) und seines langjährigen Leiters Martin Kelm (blieb) stets merkwürdig unterbelichtet“, so haben sie wohl zum einen die vorhandene Literatur von Heinz Hirdina, aber auch die Eben-nicht-nur-Bilderbücher Höhnes nicht gelesen oder geflissentlich ausgeblendet – mit ihrer eigenen Edition aber nun beileibe kaum das angeblich fehlende Erklärstück zum „Guten Design“ und zur „Designförderung in der DDR“ vollbracht. Allenfalls eine weitere Diskussionsgrundlage.

Mit der Zeit tauchte in mir bei der Lektüre der Gedanke auf: Hätten die Initiatoren ihre geheime Verschlusssache nicht besser doch noch weitere zwei Jahre unter Verschluss halten und reifen lassen sollen, anstatt sie dermaßen (und anscheinend auch ohne professionelle redaktionelle Betreuung) öffentlich zu machen? Sowohl die Einführung der Herausgeber als auch andere Beiträge in dem Band sind neben allen subjektiven leider auch von subjektivistischen Wahr(?)nehmungen und Außerachtlassungen geprägt, zudem mitunter selbst den gutwilligsten Leser nur mit Mühe bei der Stange haltend, der sich immer wieder einmal bei Gedankenfluchtversuchen aus der oft alles andere als fesselnden Lektüre ertappt. Da macht bedauerlicherweise auch der hohe Erwartungen weckende abschließende Exkurs unter dem Titel „Martin Kelm: DDR, Moskau und die Designszene innerhalb des Ostblocks“ keine Ausnahme. Hierzu gibt es bisher in der Tat keine seriösen Erfahrungs- und Forschungsberichte, schon gar nicht aus der Existenzzeit der „sozialistischen Staatengemeinschaft“. Geboten wird nun aber weitgehend eine nachträgliche Eloge auf den öffentlich mehr selbstherrlich-unnahbar posierenden denn bei sich zuhause und innerhalb der „Bruderländer“ spürbar verbindlich-produktiv agierenden einstigen Chef der sowjetischen Designadministration WNIITE und Breshnew-Günstling Solowjow. Unter den Mitarbeitern von sowjetischen Regional-Ateliers Mittelasiens und Fernosts beispielsweise herrschte in den 1980er Jahren unverhohlene Verachtung gegenüber dem autokratisch herrschenden und „seine Moskauer und Leningrader Russen“ bevorzugt mit Staatsaufträgen versorgenden (und in ihnen selbst mitwirkenden) Design-Zaren.

Verpasste Gelegenheit

Auch und gerade Martin Kelm, ihrem Buch-Titelhelden, haben die Dresdner Projektverantwortlichen mit diesem Druckerzeugnis am Ende keinen Gefallen getan, so wie übrigens er sich selbst nicht mit so manchen enttäuschenden wie völlig überflüssigen biografischen Rechtfertigungen, Richtigstellungen, Ausblendungen, Abrechnungen und Eigenlobpreisungen in seinem umfangreichen 100 Seiten umfassenden Einleitungskapitel „So war es – Designförderung in der DDR“. Kelm wüsste so einiges sehr Bemerkenswerte besser, anders, sachlich und menschlich durchaus glaubhaft, viel selbstkritischer, souveräner, unverbissener und humorvoller, ja anrührender aus seinem privaten Leben und dem gesellschaftlichen Wirken für eine humane Umwelt- und Produktgestaltung im Sozialismus zu erzählen, als er es uns in diesem Buch leider so strohtrocken offeriert. Dem Verfasser dieser Literaturkritik steht es durchaus zu, das zu behaupten: Hat er doch in den Jahren 2010 und 2011 zusammen mit seiner Frau lange, eingehende Lebensbilanz-Gespräche mit Martin Kelm in dessen Zuhause aufgezeichnet, insgesamt über 9 Stunden dort, einige mehr darüber hinaus in Bild und Ton notiert beim gemeinsamen Durchstreifen der Heimatgefilde aus der Mecklenburger Kinder- und Jugendzeit Kelms. Warum hat dieser die natürlich in seinem Besitz befindlichen O-Ton-Aufzeichnungen nicht als Gedankenstütze ausgiebiger für sich genutzt beim Niederschreiben der Erinnerungen für das Buch? War ihm selbst vielleicht der umfassendere, tiefgründigere, sensible Kelm nicht „gut genug“, gar unpassend für eine designhistorische Schrift aus akademischem Verlag? Schade darum.

 

Produkt mit mangelhaftem Waschzettel

Apropos akademisch und Verlag: Gerade hier sind weitere, schwerwiegende Kritikpunkte geltend zu machen. Zum einen weisen die Personenregister und Literaturanmerkungen des Bandes seltsame Lücken auf, herrührend vielleicht aus Unkenntnis – womöglich auch Ignoranz – und jedenfalls äußerster Nachlässigkeit. Noch inakzeptabler und durchaus justitiabel ist aber der allgemeine Umgang mit dem verwendeten Bildmaterial: nicht nur sind die Abbildungsnachweise sträflich mangelhaft ausgeführt, sondern Fotografien sind zum Teil ohne urheberrechtliche Einwilligung, ja ohne überhaupt eine Anfrage verwendet worden, stattdessen nun als „Archivmaterial“ verschiedener Herkunft deklariert. Eines Universitätsverlages unwürdig, so wie die eher einem beiläufigen und beifälligen Kaleidoskop denn einer seriösen Publikation ähnelnde Gesamtanlage der Edition insgesamt kein designwissenschaftliches Meisterwerk ist.                                                                                                                                                                    

GUTES DESIGN

Martin Kelm und die Designförderung in der DDR
Hrg. Christian Wölfel, Sylvia Wölfel, Jens Krzywinski unter der Mitwirkung von weiteren Autorinnen, Autoren und Befragten
247 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-945363-11-9
Thelem Universitätsverlag und Buchhandel, Dresden 2014
EUR 36,80

Rezension von Günter Höhne im newsletter industrieform-ddr 01/2015"; www.industrieform-ddr.de

[Vgl. auch die vorherige Rezension zu diesem Buch von Siegfried Gronert]