GfDg.org  |  Gesellschaft für Designgeschichte  e. V.

club off ulm e.V.
Zwei neue Publikationen zur hfg ulm

Rezension von Bernhard E. Bürdek

Zwei neue Publikationen zur hfg ulm

Der club off ulm e.V. zeichnet für eine Schriftenreihe verantwortlich, in der die Geschichte der hfg ulm aufgearbeitet und dokumentiert wird (http://www.club-off-ulm.de/). Anfang Oktober 2015 wurden in den Räumen der ehemaligen hfg auf dem Ulmer Kuhberg zwei Publikationen vorgestellt, die die Rückblicke auf diese Institution abschließen. Beide sind designhistorisch bedeutsam, thematisieren sie doch Aspekte von Design, die immer noch – oder wieder – virulent sind.

 

Die Abteilung Information an der hfg ulm
Herausgegeben von David Oswald, Christine Wachsmann, Petra Kellner

Die Abteilung Information kommt in der Geschichtsschreibung der hfg ulm nur reichlich spärlich vor, war sie doch relativ klein (es gab nur insgesamt 15 Studierende) und existierte nur wenige Jahre. Die Hochschule war ja ursprünglich als eine Schule für politische Bildung geplant, die die dunklen Zeiten des „Dritten Reiches“ überwinden helfen sollte. Erst mit Beginn des Lehrbetriebs konzentrierte man sich auf die gestalterische Orientierung des Bauens, der Produktgestaltung sowie der visuellen Kommunikation. Gleichwohl wird der Effekt, den die Abteilung Information auf das intellektuelle Niveau der gesamten Hochschule ausübte bis heute weitgehend unterschätzt, und ist auch kaum publizistisch erschlossen worden (David Oswald, S. 6).

Im Mittelpunkt der Abteilung stand die Auseinandersetzung mit Texten, nicht werblich oder literarisch, sondern im Sinne von Max Bense strukturell-analytisch und experimentell (S. 14). Damit blieb auch offen, für welche Berufsfelder wirklich ausgebildet werden sollten. Die Abteilung bot aber, nicht zuletzt wegen der geringen Studierendenzahlen, auch Lehrveranstaltungen für die anderen Abteilungen an. Die Dokumentation macht deutlich, dass die Abteilung Information den intellektuellen Braintrust der Hochschule darstellte. Dozenten wie Hanno Kesting, Gert Kalow, Helge Pross, Bernhard Rübenach, Harry Pross, Horst Rittel u.a.m. prägten mit ihren Lehrveranstaltungen maßgeblich das intellektuelle Klima an der hfg ulm.

Gui Bonsiepe, einer der wenigen damaligen Studenten, verweist in seinem Rückblick darauf, dass es an der hfg ulm um die Pflege der „Visualität“ ging (wie an anderen Designschulen selbstverständlich auch) aber in der Abteilung Information insbesondere um die „Diskursivität“. Gerade in der Verbindung von beiden habe das Alleinstellungsmerkmal der hfg ulm bestanden (S. 46). Design und insbesondere die Designpraxis ist bis heute auf der diskursiven Ebene noch immer nicht weit entwickelt, das „Gestammel“ über gestalterische Ergebnisse ist beschämend. Erst in den 1980er begann Klaus Krippendorff, ein ehemaliger hfg ulm Student (Produktgestaltung), der auch von Max Bense geprägt wurde, zusammen mit Reinhard Butter an der „Product Semantic“ zu arbeiten. Parallel dazu entstand die „Theorie der Produktsprache“ an der HfG Offenbach. Beides also Versuche, die in Ulm begonnenen Arbeiten zur „Diskursivität“ weiterzuführen.  Weitere Ausführungen von Gui Bonsiepe zur Abt. Information sind aktuell auf seinem blog (http://guibonsiepe.com.ar/guiblog/) nachzulesen.

Zu erwähnen ist noch ein weiterer Aspekt. Die ehemalige Studentin Elke Koch-Weser Ammassari verwendet in ihrem Rückblick den Begriff „disziplinäre Transversalität“. So hatte man in Ulm sehr wohl erkannt, dass verschiedene Disziplinen Schlüssel liefern können , um die Probleme anzugehen, mit denen die in der Abteilung Information Studierenden sich eines Tages hätten befassen sollen (S. 113) – also denen der damals noch zaghaft erkennbaren Disziplin „Gestaltung“. Ganz besonders  fehlte es aber dem Ulmer dem Lehrprogramm an Kohärenz: zu viele nur kurzzeitig Lehrende. Die damalige „Steinbruchmentalität“ an der hfg ulm war jedoch der Zeit geschuldet, ging es doch um die Entwicklung und Ausprägung der neuen gestalterischen Disziplinen. Und es ging ganz besonders um „Gestaltung“, also die Anwendung von Theorie in der Entwurfspraxis.  

 

HFG – IUP – ZPI 1969-1972. Gestaltung oder Planung?
Ein Projekt von Gerhard Curdes und ehemaligen Dozenten und Studenten des IUP

Ebenfalls wenig bekannt ist die Zeit nach der Schließung der hfg ulm auf dem Kuhberg nach 1968. Im Herbst 1969 eröffnete dort das „Institut für Gestaltung“ seine Arbeit, im Frühjahr 1970 begann der ausschließlich projekt-orientierte Lehrbetrieb. Es begannen 50 Studierende mit ihrem Aufbaustudium in Sachen Umweltgestaltung und 35 ehemalige hfg Ulm Studenten kamen wieder zurück, um dort ihr Diplom (nach dem Muster der aufgelösten hfg) zu machen. Neu berufen wurden sechs Dozenten: Siegfried Maser (Philosophie und Wissenschaftstheorie), Gerhard Curdes (Städteplanung), Gernot Minke (Architektur), Milos Hrbas (Produktgestaltung), Gudrun Otto (Kommunikation) und Josef Kopperschmidt (Rhetorik). Weitere sechs Dozenten sollten folgen, aber dazu kam es dann nicht mehr. Das WS 1969/70 war der Entwicklung eines Studienprogramms gewidmet, um überhaupt einmal neue Strukturen zu entwickeln. Im Februar erfolgte die Umbenennung in „Institut für Umweltplanung“, vom Senat der Universität gebilligt, jedoch nicht vom Baden-Württembergischen Landtag, der auf dem Beschluß „Gestaltung“ aus dem Jahre 1969 beharrte, in dem sich durchaus eine gewisse Kontinuität zur hfg ulm ausdrücken sollte.

Die akribische Aufarbeitung von Gerhard Curdes macht deutlich, dass sich mit Wechsel von „Gestaltung“ zur „Planung“ ein Konflikt entwickelte, der letztlich zur Schließung des Instituts führte. So war zwar die Ausweitung des Gestaltungsbegriffs auf die Planung zu beginn der 1970er durchaus relevant, denn „Planung“ sollte den gesamten Prozess von der wissenschaftlich fundierten Analyse bis zur Ausführung eindeutiger bezeichnet als „Gestaltung“ darstellen (S. 55). Das eigentliche Konfliktfeld aber bot die Universität Stuttgart selbst: dort konzipierte man unter der Hand ein eigenes Planungsinstitut (der ehemalige hfg ulm Dozent Horst Rittel kam 1973 an die Universität Stuttgart). So standen die Auffassung des Baden-Württembergischen Landtags den Intensionen der Universität Stuttgart diametral gegenüber. Und dazwischen zerrieben sich die Akteure des Ulmer Instituts und wurden von beiden zerrieben.

Gleichwohl war der Output des IUP für die kurze Zeit seiner Existenz nicht unerheblich. Einerseits entstanden dort noch 30 Diplomarbeiten nach dem Muster der aufgelösten hfg. Andererseits mannigfaltige Berichte der neuen Arbeitsgruppen, die Rotationsmaschinen der ehemaligen Typo-Werkstatt liefen auf Hochtouren. Designhistorisch bedeutsam erscheinen mir im Rückblick insbesondere „Zur Dialektik der Gestaltung“ (Jochen Gros, 1971), „Gestaltreinheit und Gestalthöhe“ (Hanno Ehses, Gerhard Wiesenfarth, 1972), „Produktkritik“ (E. Merz, Thilo Rusinat, Manfred Zorn, 1971), „Gesellschaft – Bedürfnis – Design“ (J. Kotik, V. Baehr, 1971).

So gesehen muß dem IUP durchaus ein paradigmatischer Charakter zugesprochen werden. Es wurden neue Ansätze entwickelt, die das tradierte Bild der hfg ulm und auch des Bauhauses überwunden haben, gleichwohl waren die politischen Implikationen derart gewaltig, dass das Institut 1972 seinen Betrieb wieder einstellen musste. Die Arbeit von Gerhard Curdes u. a. macht dies alles recht anschaulich.