Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR
Museum in der Kulturbrauerei, Berlin, Prenzlauer Berg
Rezension

MITTEN IM LEBEN – ausgestellt und eingestellt.
Ausstellung zur industriellen Formgestaltung in der DDR

Rezension von Siegfried Gronert

Die Sammlung industrielle Formgestaltung aus dem Amt für industrielle Formgestaltung bildet mit 160.000 Produkten, Fotografien, Dokumenten und Druckwerken ein wichtiges Zeitdokument der Formgestaltung in der DDR. Heute wird die Sammlung des Amtes, das von 1972 bis zum Ende der DDR existierte, von der Stiftung Haus der Geschichte betreut. Das Archiv befindet sich in Berlin-Spandau, zusätzlich gibt es in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg attraktiv gelegene Räumlichkeiten für Ausstellungen. 2012 hatte die Gesellschaft für Designgeschichte in einem von rund 200 Personen aus dem In- und Ausland unterzeichneten Offenen Brief die Öffnung und Ausstellung des Archivs gefordert. Seit April 2016 wird nun ein Teil der Sammlung in der sogenannten Schmiede der Kulturbrauerei präsentiert. Die kompakte Ausstellung ist unter dem Titel „Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR“ ein Jahr lang in Berlin zu sehen und geht danach in die Leipziger Dependance des Hauses der Geschichte.

Das Amt für industrielle Formgestaltung organisierte, begutachtete und kontrollierte „als zentrales Organ des Ministerrates“ seit 1972 durchaus nicht die gesamte Formgestaltung in der DDR. Vor allem auf die im Verband bildender Künstler der DDR organisierten Gestalter – Kunsthandwerker, aber auch freiberuflich arbeitende Formgestalter – hatte das Amt nur einen geringen Einfluss. So war Clauss Dietel, einer der profiliertesten industriellen Formgestalter in der DDR und viele Jahre lang Vizepräsident des Verbandes bildender Künstler, der Administration des Amtes weitgehend entzogen. Er war zudem ein beinharter Gegner dieser Institution und ihres Leiters Martin Kelm. Aber in der Ausstellung wird der tiefe Graben in der Gestaltungslandschaft der DDR nicht deutlich, der auch dafür verantwortlich ist, dass die Sammlung des Amtes die im Titel versprochene „Formgestaltung in der DDR“ nicht repräsentieren kann. Das Amt erreichte letztlich nur einen Teil der Formgestaltung in der DDR.
         In dem Begleitbuch von Gabriele Zürn, der wissenschaftlichen Projektmitarbeiterin für diese Ausstellung, stehen die wirtschaftlichen und politischen Dimensionen im Fokus – inklusive der Stasi-Bespitzelungen und politischen Seilschaften. Diese Ausrichtung ist wohl vor allem dem Bildungsauftrag der Stiftung geschuldet. Gemäß dem Gedenkstättenkonzept des Bundes soll das Haus der Geschichte mit der Sammlung zur „kritischen Auseinandersetzung mit dem gegenständlichen Erbe der DDR“ anregen, was von der Leitung des Hauses so verstanden wird, dass die Diktatur des SED-Regimes herauszustellen sei. Dabei kommen jedoch sowohl die Freiräume wie die Widerstände in den gestalterischen Bereichen meistens zu kurz. Kunst und Gestaltung spielten in der DDR eine besondere Rolle.

Im Eingangsbereich der Ausstellung werden die Besucher mit etwas über 30 Industrieprodukten konfrontiert, die erkennen lassen, dass sich die Formgestaltung in der DDR auf einem internationalen Niveau befand. Das gilt in gewisser Weise auch für die bunten Plastik-Eierbecher in der Form von putzigen kleinen Hühnchen, denn von dem, was man damals als Kitsch bezeichnete, gab es in der DDR mehr als genug. Die meist vorbildlichen Beispiele sind in schlichten Holzregalen aufgereiht: die Kamera „Penti II“ von Manfred Claus; das jugendliche Simson Mokick „S 50“ von Dietel und Rudolph; von Margarete Jahny die farbigen Alif-Isolierkannen und die aus DDR-Gaststätten bekannte Geschirrserie „Rationell“ (zusammen mit Erich Müller); von Hans Brockhage der schöne Schaukelwagen, der von einer Seite als Wagen, von der anderen als Schaukel funktionierte; von Wolfgang Dyroff die klar gegliederten Lichtschalter und vieles andere mehr. Man fragt sich allerdings, warum etwa die parallel zum Braun-Design entstandene HELIRADIO-Serie von Dietel und Rudolph fehlt. Obwohl die Auswahl der in den Regalen gezeigten Objekte dubios erscheint: Hier ist wirklich kaum ein Unterschied zum Industriedesign in der Bundesrepublik zu erkennen. Es gab kein spezielles DDR-Design, sagen die für eine Video-Installation interviewten Gestalterinnen und Gestalter (Martin Kelm, Clauss Dietel, Jürgen Ruby, Christa Petroff-Bohne, Marlies Ameling) sowie Günter Höhne, ehemaliger Chefredakteur von „form+zweck“, der vor einigen Jahren den größten Teil seiner umfangreichen Sammlung an die Neue Sammlung in München verkaufte.
         Wenn man hinter den Industrieformen in der Regalwand-Fassade zu den einzelnen Themenblöcken kommt, ahnt man, dass die Frage nach der nationalen Spezifik der Formgestaltung damit noch nicht beantwortet ist. In die komplexen Zusammenhänge gehört auch die Vorgeschichte des Amtes, die mit dem 1950 von Mart Stam gegründeten „Institut für industrielle Gestaltung“ an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee beginnt.
         Daneben macht ein Ausstellungsbereich die gravierenden Auswirkungen der Formalismus-Debatte in der DDR der Fünfziger Jahre deutlich. Und noch 1962 wurde die Abteilung Formgestaltung auf der V. Kunstausstellung in Dresden, kuratiert von Horst Michel aus der Weimarer Hochschule, in einem ganzseitigen Zeitungsartikel im „Neuen Deutschland“ nieder geknüppelt. „Hinter dem Leben zurück“ hieß der Aufsatz, der den „kalten Formalismus“ vieler Produkte anprangerte. Die angegriffenen Gestalter hatten in der Folge weitreichenden Unterstellungen und Maßnahmen zu ertragen. Hubert Petras erhielt für seine weißen zylindrischen Stangenvasen nicht nur einen Rüffel, er konnte danach kaum mehr seine Produkte ausstellen. Horst Michel verlor nach und nach seine Position in den übergeordneten Gestaltungsgremien der DDR. Hedwig Bollhagen konnte die Kritik an ihrem tief schwarzen Mokkaservice, das angeblich nicht die Freuden des sozialistischen Alltags widerspiegelte, leichter verkraften, denn noch war sie selbst die Besitzerin ihrer Keramikmanufaktur, die später verstaatlicht werden sollte.
         Das Chemieprogramm von 1958 bildet einen weiteren Schwerpunkt in der Ausstellung. „Das Leben ist der Zweck des Chemieprogramms: mehr Waren für alle“ tönte es damals in der DDR-Wochenschau. Auch die DDR machte sich mit bunten Camping-Geschirren und Haushaltswaren aus Plaste auf in eine Konsumgesellschaft, ab 1971 unter der Führung von Erich Honecker ausdrücklich propagiert. Versuch und Scheitern werden in der Ausstellung an ausgewählten Produkten gezeigt, Dokumente, Texte und Einspielungen von zeithistorischen Fernsehsendungen ergänzen diesen Komplex. Darunter leiden die Objekte, denn sie werden nicht mehr ausgestellt, sondern eingestellt in Vitrinen zusammen mit vielen Texttafeln.
         Das Amt für industrielle Formgestaltung war selbst Akteur und Opfer der politischen Maßnahmen. Seine aktive Rolle bei Auszeichnungen, Produktentwürfen und in den Entwurfsabteilungen der Betrieben hätte als Schwerpunkt der Ausstellung stärker hervorgehoben werden können. Man ahnt den Einfluss, wenn die wirtschaftlichen Aspekte der industriellen Formgestaltung am Beispiel des Exports gezeigt werden. So bei den Bügeleisen aus dem VEB Elektrowärme Sörnewitz: die auf den Leipziger Messe ausgezeichneten Dampfbügeleisen exportierte man in den Westen, das waren 90 Prozent der Produktion, die einfachen Trockenbügeleisen dagegen blieben in der DDR.
         Die doppelte Rolle des Amtes gilt ähnlich für die von ihm herausgegebene Zeitschrift „form+zweck“ (das Pendant zur „form“ in der Bundesrepublik). Ausgestellt wird ein Heft von 1983, das im Stadtteil Prenzlauer Berg die Rekonstruktion der verfallenden Gebäude und sogar eine Bürgerbeteiligung einforderte, was in der Folge zu einem Parteiverfahren durch die Kreisparteikontrollkommission führte und schließlich zur Demission von Hein Köster als Chefredakteur. So bezeichnend diese Begebenheit ist, so irreführend ist anderseits das Einzelbeispiel: „form+zweck“ gehörte zu den wenigen eigenständigen und weitgehend unzensierten Publikationen in der DDR und konnte daher Artikel quer zur Parteilinie veröffentlichen. Die Zeitschrift ist nicht nur deshalb ein wichtiges Kompendium zur Formgestaltung in der DDR.
         In der Ausstellung werden viele Facetten der Formgestaltung in der DDR deutlich, über die man mehr erfahren möchte. Es wäre zu wünschen, dass die Designmuseen in Berlin, Hamburg, Köln und anderswo die Aufarbeitung designhistorisch fortsetzen und die Sammlung ausstellen würden. Viele Objekte hätten es verdient.

„Alles nach Plan? Formgestaltung in der DDR“
Ausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Museum in der Kulturbrauerei, Berlin, Prenzlauer Berg, Knaackstraße 97
Eintritt frei, Begleitbuch von Gabriele Zürn, 76 Seiten, 9,80 €

17. Mai 2016